Neubau eines Betriebsgebäudes in Gorredijk

Rätselhaft zerklüftet

Bei dem neuen Betriebsgebäude für den Buchhandelskonzern Steven Sterk im niederländischen Gorredijk hat das Architekturbüro Sluijmer en Van Leeuwen aus Utrecht eine expressiv gestaltete Sichtfassade aus rostrotem Cortenstahl integriert. Die Fassade schafft nicht nur einen markanten Blickfang in der weiten friesischen Landschaft, sondern spielt auch eine wichtige Rolle zur Senkung des Energieverbrauchs.

Robert Uhde

Mit seiner Marke „Tialda“ hat sich der 1993 gegründete Konzern Steven Sterk in den vergangenen Jahren zu einer der größten Buchgroßhandlungen in den Niederlanden entwickelt. Das Unternehmen beliefert zahlreiche große und mittelgroße Buchhandlungen mit rund 3 000 Titeln aus Literatur, Philosophie, Geschichte, Kunst und Reise sowie mit Koch- und Kinderbüchern. Bis vor kurzem war der Konzern mit Hauptsitz in Utrecht ansässig, wo sich auch heute noch eine große Buchhandlung von Steven Sterk befindet. Da die dortige Betriebsfläche jedoch aufgrund der stetig steigenden Nachfrage bereits seit längerem zu klein war und nicht mehr den wachsenden logistischen Anforderungen genügte, hatte Unternehmensinhaber Steven Sterk 2006 entschieden, den Hauptsitz des Unternehmens in die rund 8 000 Einwohner zählende friesische Gemeinde Gorredijk zu verlagern.
Der 2008 eröffnete Neubau wurde auf einem rund einen Hektar großen Grundstück am westlichen Ortsrand von Gorrdijk im Gewerbegebiet „Overtoom“ in unmittelbarer Nähe zur Autobahn A7 zwischen Groningen und Heerenveen errichtet. Auf einer Nutzfläche von 6 310 m² integriert das Gebäude neben einer großen Lagerhalle und einer direkt angrenzenden, getrennt vermietbaren Halle auch die Büroflächen des Unternehmens sowie eine Galerie für Moderne Kunst.
„Wie ein Jäger im Feld“
Mit der Planung des Neubaus hatte Steven Sterk Anfang 2007 die Architekten Sluijmer en Van Leeuwen aus Utrecht direkt beauftragt. Das Büro hatte zuvor bereits die Innenausstattung des Geschäftes in Utrecht und das Privathaus des Firmeninhabers geplant. Als Antwort auf den heterogenen städtebaulichen Kontext im Übergang zwischen dem Gewerbegebiet und der angrenzenden Polderlandschaft entwickelten die Architekten einen unregelmäßig geschnittenen, als Stahlträgerkonstruktion errichteten Baukörper mit einer markant gestalteten Sichtfassade aus rostrotem Cortenstahl.
„Ganz am Anfang unserer Planung stand eine genaue Analyse der weiten und offenen friesischen Landschaft mit ihren einfachen, beinahe archaischen Höfen“, so Projektarchitekt Michael van Leeuwen. „Darüber hinaus sollte sich der Neubau ganz bewusst von den üblichen Gewerbebauten abheben. Denn wer sich die Gewerbe-
gebiete hierzulande ansieht, der trifft dort regelmäßig auf silbergraue viereckige Boxen, die im Eingangsbereich durch irgendwelche architektonische Details aufgehübscht werden. Das kostet zwar wenig Geld, hat aber in der Regel keinerlei Bezug zur Umgebung oder zu den Vorgängen hinter der Fassade. Stattdessen haben wir hier ganz bewusst versucht, eine Verbindung zwischen Gebäude und Landschaft herzustellen – und zwar sowohl im Hinblick auf die Wirkung nach außen als auch durch die Art und Weise, wie die Landschaft von innen erfahren
wird. Dabei haben wir in gewisser Weise das Bild eines Jägers im Feld verfolgt, der alles sieht, was sich um ihn herum bewegt, der aber selbst nicht bemerkt wird.“
Dem Bild des Jägers entsprechend wurde der zweigeschossige Neubau in Richtung der südwestlich und südöstlich angrenzenden Verkehrsachsen Badweg und Overtoom mit einer unregelmäßig gestalteten Fassade aus Cortenstahl und Glas ausgebildet. Statt durch gewöhnliche Fenster wird die Außenhülle dabei durch scheinbar zufällige zackenförmige Einschnitte geöffnet, so dass der Neubau hier von weitem betrachtet als ein rätselhaft zerklüfteter Felsen in der flachen Moorlandschaft erscheint. Gleichzeitig schaffen die abstrakten vertikalen Öffnungen einen sinnfälligen Bezug zu den mit Schilf bewachsenen Uferböschungen der zahlreichen Gräben und Moorkanäle in der Umgebung.
Fassade mit Öffnungen
Die unterschiedlich breiten Fassadenelemente setzen sich zusammen aus jeweils zwei gebäudehohen Cortenstahlplatten, die auf der Baustelle mit einem 15 cm tiefen Hohlraum zusammengeschweißt und dann an die Fassade montiert wurden. Im Bereich der beiden Lagerhallen finden sich dabei nur wenige Fensteröffnungen. Hier schließt die beinahe durchgehende Außenhülle aus Cortenstahl (Corten A von Arcelor Mittal) direkt an die dahinter liegende, 14 cm starke Mineralwoll-Dämmung und die Innenraumverkleidung aus einfachem Brettschichtholz an. Deutlich offener gestalteten die Planer den nach Südosten orientierten Haupteingang mit den dahinter liegenden Galerie- und Büroflächen sowie den nach Süden gerichteten getrennten Zugang zur kleineren der beiden Hallen. Hier präsentiert sich die Außenhülle aus Cortenstahl offener und löst sich jeweils um mehrere Meter von der dahinter liegenden Glasfassade, um so einen fließenden Übergang von innen nach außen zu schaffen.
Unterschiedlich breite Öffnungen ermöglichen flüchtige Blicke in das Innere des Gebäudes. Besonders faszinierende Ansichten ergeben sich dabei während der Dunkelheit, wenn die künstliche Beleuchtung im Inneren zusätzliche Details offenbart. Ein weiteres gelungenes Detail ist das rund 3 m aus der Fassade auskragende Glasvolumen in Richtung Süden mit Aussicht auf die Landschaft, das als flexibel nutzbare Präsentations- oder Bürofläche für den getrennt vermietbaren Gebäudeteil zur Verfügung steht. Direkt angrenzend an den Zulieferbereich mit drei Sektionaltüren wurde außerdem ein frei liegendes kreisrundes Volumen zur Lagerung von Löschwasser errichtet.
Die übrigen Fassaden des Gebäudes in Richtung Osten und Norden, also in Richtung Gewerbegebiet, wurden demgegenüber vollständig geschlossen mit vertikal eingesetzten Aluminium-Paneelen (KS1000 AWP microrib von Kingspan) ausgebildet. Als einzige Öffnungen wurden hier einige Brandschutztüren sowie eine schmale horizontale Glasfuge im Bereich der An- und Auslieferung nach Südosten eingefügt.
Innen- und Außenkontrast
So verschlossen sich der Neubau von außen präsentiert, so überraschend hell zeigt er sich innen. Den beinahe sphärisch scheinenden Haupteingangsbereich mit den Büros und der doppelgeschossigen Galerie gestalteten die Architekten dabei als strahlend weißes Foyer, das über die großflächige Glasfassade (Isolierglas SGG Climaplus von Saint-Gobain), zackenförmigen Fenster sowie zusätzliche Oberlichter viel Tageslicht erhält. Der Boden wurde durchgängig mit weiß gestrichenem Polyurethan ausgebildet, um so den Eindruck eines „White Cube“ zu verstärken. Eingebaut wurde auch das wärmegedämmte Profilsystem Forster Therm Tür als Komplettsystem mit Beschlägen und Zubehör für flächenbündige ein- und zweiflügelige Türen im Eingangsbereich.
Rechts schließt sich der Bürobereich an, weiter geradeaus erreichen die Mitarbeiter die durch Oberlichter mit Tageslicht versorgte Lagerhalle mit rund 4 000 m² Nutzfläche und 16 Hochregalen. Insgesamt stehen hier rund 3 000 Palettenplätze für rund 1,5 Millionen Bücher zur Verfügung. Die 7 m hohe Halle wurde relativ herkömmlich mit einer Tragkonstruktion aus Stahlbetonfertigteilstützen und einer Stahl-Fachwerkbinder-Konstruktion des Daches errichtet. Die Dacheindeckung erfolgte mit vorgefertigten Sandwich-Elementen mit integrierter Polyurethan-Dämmung (KS 1000 XD von Kingspan). In die kleinere der beiden Lagerhallen wurde zusätzlich ein flexibel nutzbares Obergeschoss mit vorgefertigten Decken eingezogen.
Sämtliche Bereiche des Gebäudes lassen sich durch Zwischenwände sowie eine entsprechende Platzierung sämtlicher Versorgungsleitungen und Brandschutzvorrichtungen flexibel an veränderte Anforderungen anpassen. „Letztlich ist es dabei sogar möglich, das Gebäude ohne größere Umbauten für einen völlig anderen Zweck umzunutzen“, so Architekt Michael van Leeuwen. „Bei Bedarf könnte es sogar teilweise als Museum genutzt werden.“
Energie sparende Bauweise
Um langfristig einen Kosten sparenden Unterhalt zu ermöglichen, werden sämtliche Bereiche des Neubaus mittels Erdwärme beheizt und gekühlt. Um die kostenlos zur Verfügung stehende Energie aus dem Erdreich nutzen zu können, wurden in rund 60 m Tiefe zwei Schluckbrunnen errichtet, mit denen rund 17 m³ Wasser je Stunde gefördert werden kann. „Einer der beiden wird im Sommer mit warmem Grundwasser gefüllt, das dann im Winter mittels einer Wärmepumpe für die Gebäudeheizung bereit steht“, erklärt Michael van Leeuwen. „Der andere Brunnen wird im Winter aufgefüllt und führt etwa 6 °C kaltes Wasser, das für die sommerliche Kühlung des Gebäudes genutzt werden kann.“ Zur Bereitstellung der Kälte und Wärme wurden in sämtlichen Bereichen Fußbodenheizungen integriert, die eine angenehme und unabhängig voneinander regelbare Klimatisierung der verschiedenen Räume ermöglichen. Insgesamt spart das Gebäude so rund 75 bis 80 % Energie im Vergleich zu einem herkömmlichen Neubau.
Eine weitere wichtige Rolle innerhalb des Energiekonzepts spielt die Cortenstahl-Fassade mit ihren unregelmäßigen, scheinbar zufällig platzierten Öffnungen:
„Um eine optimale Verschattung innerhalb des Gebäudes und damit möglichst geringe Kosten zur Kühlung zu ermöglichen, haben wir Größe der jeweiligen Öffnungen exakt dem jeweiligen Bedarf an Verschattung angepasst“, so Michael van Leeuwen.
Zusätzliches Tageslicht gelangt über die nach Norden ausgerichteten Oberlichter ins Gebäude. Im Zusammenspiel der Oberlichter mit den Cortenstahl-Elementen ist ein angenehmes und flexibel steuerbares Binnenraumklima entstanden. Und das sorgt für optimale Bedingungen für Bücher, Mitarbeiter und die Moderne Kunst.
Planung: Architectuurbureau Sluijmer en Van Leeuwen, Utrecht Planungsteam: Michael van Leeuwen, Pieter Looijaard und Maarten Bent Statik: Lucassen Bouwconstructies, Hengelo