Neubau einer Berufsschule in Drachten

Im Kroko-Look

Mit krokodilsartig gestalteter Außenhülle fällt der neue Berufsschulkomplex im niederländischen Drachten deutlich aus der Reihe. Der durch BRTArchitecten aus Alkmaar entwickelte Neubau integriert zwei Berufsschulen für rund 400 Auszubildende unterschiedlichster Fachrichtungen. Für die Fassade wurden bedruckte Aluminium-Sandwichpaneele eingesetzt.

Robert Uhde

In der rund 45 000 Einwohner zählenden Kleinstadt Drachten in der niederländischen Provinz Friesland ist man offen für Neues: Seit 2007 beteiligt sich die Gemeinde am EU-Projekt „shared space“ und hat seitdem sämtliche Ampeln und Verkehrszeichen aus dem Stadtraum entfernt. Die Folge sind wie erhofft drastisch gesunkene Unfallzahlen.
Und auch architektonisch setzt man in Drachten auf unkonventionelle Lösungen, wie der mutig gestaltete Neubau für die beiden vor Ort ansässigen Berufsschulen beweist. Der in Stahlbetonbauweise errichtete, durch zahlreiche asymmetrische Fassadenvorsprünge und Gebäudekanten ungewöhnlich geformte Baukörper präsentiert sich nach außen mit einer bunt-verspielten Hülle aus großen, asymmetrisch geschnittenen Glasfronten und bunt bedruckten Aluminiumpaneelen, deren grün-gelb-blaue Farbigkeit auf Anhieb die Assoziation einer Krokodilshaut hervorruft.
Gemeinsamer Schulbau
Die beiden hier neu eingezogenen Schulen, die Christelijke Scholengemeenschap (CSG) Liudger und die Openbare Scholengemeenschap (OSG) Singelland, waren bereits vorher in einem gemeinsamen Gebäude untergebracht. Nachdem die Räumlichkeiten aufgrund stetig steigender Schülerzahlen inzwischen jedoch deutlich zu klein geworden waren, hatten die beiden Schulen 2005 entschieden, den Altbau abbrechen zu lassen und durch einen gemeinsam genutzten Neubau zu ersetzen. Mit der Planung des Projekts wurde das Büro BRTArchitecten aus Almaar beauftragt, das in den vergangenen Jahren zahlreiche hochwertige Schulbauten in Nordholland und Friesland realisiert hat.
Um möglichst große Synergien zu ermöglichen, entwickelten die Planer einen kompakten, 60 m langen und 35 m breiten Bau, der auf drei Ebenen mit einer Nutzfläche von insgesamt 6 500 m² sämtliche Funktionen unter einem Dach zusammenführt. Die asymmetrische Gebäudeform mit den schräg auf- und absteigenden Geschosslinien lässt dabei auf den ersten Blick die dynamische Struktur des Innenraums erahnen.
„Ursprünglich war eine deutlich stärkere Trennung der beiden Schulen vorgesehen“, so Projektarchitekt Erik van Wel. „Im Verlauf der Planung haben sich dann aber immer mehr gemeinschaftlich genutzte Funktionen ergeben.“ Neben einem gemeinsamen Eingangsbereich, einer gemeinsamen Autowerkstatt und einer gemeinsamen Metall- und Holzwerkstatt wurden dabei auch zwei gemeinsam genutzte Sporthallen und eine Schulkantine eingerichtet. Als weitere Funktionen stehen eine Lehrküche, ein Hauswirtschaftsbereich, ein Friseur- und Kosmetikbereich sowie eine Theaterbühne zur Verfügung. Ihre eigene Identität erhalten die beiden Schulen durch ein eigenes Erschließungssystem sowie durch eine leicht voneinander abweichende Farbgebung mit blau-grün bzw. blau-gelb bedruckten Paneelen.
Dem auffälligen Äußeren der Schule entspricht ein nicht minder farbiges Innenleben. Im deutlichen Kontrast zu der außen vorherrschenden Farbpalette realisierten die Planer ein dynamisches Raumgefüge mit orange-farbenen und leuchtend roten, leicht zu reinigenden Kunststoffbelegen für Böden und Treppen, großen weißen Designerleuchten sowie tief schwarzen Decken als Ruhepunkt. Das als offenes Atrium gestaltete Treppenhaus im Kern des Neubaus ermöglicht dabei einen fließenden Übergang zwischen belebten und eher ruhigen Zonen mit vielfältigen Blickachsen und verschiedenen Zwischenebenen.
In den einzelnen Lehrräumen schaffen kräftige Farben im Verbund mit den asymmetrischen Fenstern eine abwechslungsreiche Lernumgebung. Der Einsatz von gipsverputzten Leichtbauwänden ermöglicht gleichzeitig eine maximale räumliche Flexiblität. Die Beheizung des Gebäudes erfolgt über eine Anlage zur Nutzung von Erdwärme und -kälte in Verbindung mit einer Wärmepumpe. Die Anlage sorgt nicht nur dafür, dass das Gebäude deutlich weniger Erdgas verbraucht, sondern ermöglicht auch eine angenehme Kühlung der Lehrräume im Sommer.
Markante Außenhülle
Ein Schwerpunkt der Planung war die Gestaltung der Fassaden. Ausgehend vom Wunsch der Bauherren nach einem modernen und bewusst auffälligen Schulbau mit einer robusten Außenhülle, die widerstandsfähig gegen abgestellte Fahrräder oder auftreffende Bälle sein sollte, entstand schließlich der Vorschlag, die Fassade mit Leichtbaupaneelen zu verkleiden und diese dann farbig zu gestalten.
„Die Idee dazu kam mir, als ich hier kurz vor dem Abriss des alten Schulgebäudes das lebendige Schattenspiel der Birken auf der Fassade beobachtet hatte“, so Erik van Wel. „Im Verlauf der weiteren Planung hat sich aus diesen Schattenflecken schließlich die Anmutung einer Krokodilshaut ergeben.“
Die letztlich gewählten Verbundplatten aus Aluminium (Aluminium Composite-Paneele Gutbond style von Gutmann) im Format von 1 194 x 2 400 mm bieten nicht nur einen hohen Schutz gegen mechanische Beanspruchung, sondern ließen sich gleichzeitig problemlos im Siebdruckverfahren bearbeiten. „Dabei brauchten die ab Werk blau-violetten Platten lediglich noch mit einem sich wiederholenden Muster von gelben bzw. grünen Farbflecken bedruckt zu werden“, erklärt Erik van Wel. Als Finish wurde anschließend eine glänzende, transparente sowie UV- und Graffiti-beständige Beschichtung auf Polyurethan-Basis (Decall-Silk System) aufgetragen, so dass sich die Platten jederzeit leicht reinigen lassen und langfristig ihre leuchtende Farbigkeit behalten.
Nach dem Druckprozess konnten die einzelnen Verbundplatten aufgrund ihres extrem geringen Eigengewichts von lediglich 5,5 kg je m² mit einem speziellen Klebstoff ohne sichtbare Befestigungspunkte auf die Unterkonstruktion aus Aluminium aufgeklebt werden. Zusätzlich vereinfacht wurde die Montage durch einen V-förmigen Grat in der Rückseite der Platten. Denn so war es problemlos möglich, die Platten einfach an der entsprechenden Stelle zu knicken und dann über Eck auszubilden.
Die Meinungen über den Neubau und insbesondere über die markante Außenhülle fallen naturgemäß sehr unterschiedlich aus. Die Lehrlinge und Dozenten selbst sind jedoch durchgehend zufrieden mit ihrem Neubau. „Einige von ihnen haben das zugrunde gelegte Kroko-Muster der Schule inzwischen sogar im Kleiderschrank hängen“, berichtet Erik van Wel. „Denn inzwischen ist der Reptilien-Look auch als modische Fahrradbekleidung erhältlich.“
Planung: BRTArchitecten, Alkmaar, NL
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