Neubau eines Müllheizkraftwerks im dänischen Roskilde

Gelungener Kunstgriff

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Die Bauaufgabe „Müllverbrennung“ füllt nicht gerade die Auftragsbücher von Architekturbüros. Schade eigentlich, schaut man sich das neue Müllheizkraftwerk in Roskilde an. Die ikonenhaft gestaltete, fast 100 m hohe Silhouette des mit perforierten Aluminiumelementen umhüllten Bauwerks lässt auf den ersten Blick an einen gigantischen Kirchenbau denken.

Robert Uhde

Die rund 50 000 Einwohner zählende, etwa 40 km westlich von Kopenhagen gelegene Stadt Roskilde schwankt fröhlich zwischen Tradition und Moderne: Da gibt es auf der einen Seite das international bekannte, seit 1971 organisierte Musik-Festival, das mit bis zu 115 000 Besuchern zu den größten Open-Air-Veranstaltungen in Europa zählt. Auf der anderen Seite steht hier seit 1280 der erste gotische Backsteindom Skandinaviens, der als traditioneller Begräbnisort der dänischen Könige gilt, und der 1995 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurde.
Eine gelungene Verbindung zwischen beiden Polen schafft jetzt das in Sichtweite zur Autobahn A23 sowie zur Eisenbahntrasse platzierte neue Müllheizkraftwerk der Stadt. Mit seiner markanten Silhouette, die sich an ihrem höchsten Punkt rund 97 m über die ansonsten flache Landschaft erhebt, verweist der imposante Neubau auf den ersten Blick auf den Dom als dem historischem Wahrzeichen von Roskilde. Gleichzeitig schafft die moderne, bewusst poppige Gestaltung einen direkten Bezug zum berühmten Festival der Stadt.
Internationaler Wettbewerb
Das neue Müllheizkraftwerk verbrennt stündlich etwa 25 t Abfall und erzeugt daraus etwa 12 MW Strom und 50 MW Fernwärme. Aufgrund dieser hohen Kapazität stand schon vor Planungsbeginn fest, dass der geplante Neubau gewaltige Ausmaße haben würde. Um das Gebäude dennoch nicht zu einem gestaltlosen Industrie-Koloss werden zu lassen, sondern stattdessen die Chance zu einer gestalterischen Aufwertung des angrenzenden Industrieterrains mit seinen hoch aufragenden Schornsteinen zu nutzen, hatten die Stadt Roskilde und der Bauherr der Anlage 2008 entschieden, die architektonische Umsetzung des Gebäudes auf Basis eines internationalen Wettbewerbs durchzuführen. Das innere Layout des Gebäudes mit den verschiedenen Verbrennungsöfen sowie den technischen Anlagen zum Betrieb der Öfen folgt dabei im wesentlichen der Logik des Produktionsablaufes und war somit bereits weitgehend festgelegt.
Als Sieger aus der Ausschreibung war schließlich der international renommierte Rotterdamer Architekt Erick van Egeraat hervorgegangen, der in Deutschland insbesondere durch den Neubau des Paulinums in Leipzig von sich Reden gemacht hat: „Ausgehend vom städtebaulichen und geschichtlichen Kontext vor Ort und in Anbetracht der mit der Bauaufgabe einhergehenden Notwendigkeit, einen hohen Schornstein zu integrieren, haben wir schließlich die Idee entwickelt, das Gebäude in seiner äußeren Form einem Sakralbau anzunähern“, erklärt der Architekt. Die plastische, dabei unregelmäßig abgetreppte und an einigen Stellen auch gefaltete Form des Hauptbaukörpers, die je nach Tageszeit und Lichteinfall ganz unterschiedliche Licht- und Schatten-Wirkungen erzeugt, schafft dabei einen spannungsvollen Kontrast zur steil aufragenden Spitze des Gebäudes mit dem Schorn-stein. Angetan von dieser Planung zeigte sich auch die Jury, die insbesondere „den einzigartigen und kraftvollen Ausdruck“ dieser „überraschend einfachen Lösung“ hervorhob und gleichzeitig die Wirkung des Gebäudes aus der Nähe, aber auch aus der Distanz betonte.
Perforierte Aluminiumhülle
Um die unterschiedlichen Anforderungen hinsichtlich der Belüftung sowie zum Schutz gegen Wind und Wetter zu erfüllen und gleichzeitig eine maximale Freiheit bei der Gestaltung der äußeren Gebäudeform zu haben, wurde der Neubau mit zwei unterschiedlichen Gebäudehüllen geplant: Die funktional nach Standardvorgaben und aus Kostengründen mit montierbaren Standardelementen gestaltete Innenhülle integriert die notwendigen Öffnungen zum Einfall von Tageslicht sowie zur Belüftung. Die damit von Funktionen entlastete Außenhülle des Gebäudes besteht abweichend aus matt schimmernden, in variierenden Winkeln montierten Aluminiumpaneelen, die mit zunehmender Gebäudehöhe immer stärker perforiert sind. „Die bronzefarbene Oberfläche der einzelnen Elemente wurde dabei mittels einer speziell für dieses Projekt entwickelten Anodisierung erzielt“, so Erick van Egeraat. Die Oberflächenbehandlung der Aluminiumpaneele wurde durch A/S HAI Horsens durchgeführt,
Für die alles in allem etwa 30 000 m² große Außenhülle kamen insgesamt 6 600 Aluminiumelemente von Kai Andersen S/A zum Einsatz.
„Das Standardmaß der Paneele beträgt dabei 1 500 x 3 000 mm. Um die komplizierten Geometrien des Entwurfes auszubilden, musste ein großer Teil der Elemente jedoch als Sondermaße gefertigt werden“, berichtet Erick van Egeraat.
Rund zwei Drittel der Platten wurden mit vier unterschiedlich großen Perforierungen versehen, die herstellerseitig mit einem CNC-betriebenen Lasercutter aus dem Aluminium getrieben wurden – in der Summe gleicht also kaum ein Teil dem anderen, so dass es einer aufwändigen Logistik von der Produktion bis zur Fertigstellung der Fassade bedurfte. Nach der Anlieferung auf die Baustelle erfolgte die Montage der einzelnen Elemente auf ein im Zwischenraum zwischen beiden Fassadenschichten platziertes Stahltragwerk, das aus einer aufgehängten vertikalen Unterkonstruktion und horizontalen Aussteifungen zusammengesetzt ist.
Kunstvolle Licht-Inszenierung
Innerhalb dieses Zwischenraumes zwischen innerer und äußerer Fassade schaffen die Perforierungen ein belebtes Spiel von Licht und Schatten, das der Öffentlichkeit aber leider verborgen bleibt. Die eindrucksvollsten Perspektiven nach außen bieten sich stattdessen nachts und während der Dämmerung, wenn die unterschiedlich großen Perforierungen faszinierende Einblicke in den hell erleuchteten Innenraum ermöglichen. Doch was auf den ersten Blick wie das Flammenspiel von dort stattfindenden Verbrennungsprozessen scheint, ist in Wahrheit des Ergebnis einer aufwendig programmierten Lichtsteuerung.
Umgesetzt und weiterentwickelt wurde diese Idee von Erick van Egeraat durch das Licht Design Studio Gunver Hansen Tegnestue, die abschließende Montage erfolgte durch professionelle Gebäudekletterer. Und der schwindelerregende Aufwand hat sich gelohnt: Die über insgesamt 190 Leuchten mit indirektem Licht erzeugte Illumination schafft dabei ein einprägsames Bild für die industrielle Funktion des Gebäudes:
„Mehrmals pro Stunde breitet sich dabei ein ’Funke’ zu einem lodernden Feuer aus, das dann wieder in sich zusammenfällt“, erklärt Erick van Egeraat den Grundgedanken der kunstvollen Inszenierung.
Neuer bba-Infoservice:
Architekten:
Erick van Egeraat, Rotterdam
Planungsteam: Erick van Egeraat, Edina Péli, Aude de Broissia, Mette Rasmussen, Igor Lusardi, Jorne Jongsma, Patricia Mata Mayrand, Maria Garcia
Serdio, Michele Stramezzi, Harry Kurzhals, Marie Prunault, Peter Heavens
Lichtplanung:
Gunver Hansen Tegnestue, Kopenhagen
Tragwerksplanung:
Bascon, Aarhus
Gebäudetechnik:
Rambøll Group A/S, Kopenhagen
Hersteller
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