Erweiterung und Modernisierung eines Bürokomplexes in Utrecht

Gutes Binnenklima

In Utrecht wurde im vergangenen Jahr ein Bürogebäude der Niederländischen Straßen- und Wasserbaubehörde aus den 1970er-Jahren erweitert und modernisiert. Um ein optimiertes Binnenklima und einen nachhaltigen Betrieb des Gebäudes zu ermöglichen, entwickelte das Architekturbüro Cepezed eine doppelschalige Fassade mit speziellem Glasgewebe.

Robert Uhde

Wer auf der niederländischen Autobahn A-12 von Utrecht in Richtung Westen fährt, dessen Blick trifft unmittelbar am Schnittpunkt zum viel befahrenen Amsterdam-Rijnkanaal auf den Sitz der Straßen- und Wasserbaubehörde „Rijkswaterstaat“ der Region Utrecht. Das markant gestaltete Gebäude-Ensemble setzt sich zusammen aus einem 85 m hohen, grundlegend modernisierten Büroturm und einem angrenzenden, komplett neu errichteten Flachbau. Ein optimiertes Zusammenspiel unterschiedlicher Maßnahmen zur nachhaltigen Gebäudeklimatisierung ermöglicht in sämtlichen Bereichen angenehme und natürlich belüftete Büros für die rund 2 000 Mitarbeiter der Behörde. Weithin sichtbarer Blickfang des Gebäudes sind dabei fünf offene Atrien mit einer Höhe von jeweils vier Geschossen, die einen direkten Bezug zwischen innen und außen ermöglichen und gleichzeitig eine hohe Aufenthaltsqualität schaffen.
Komplexer Entwurf
Da weite Teile des Landes in den vergangenen Jahrhunderten künstlich dem Meer abgerungen wurden, hat der Wasserbau in den Niederlanden eine lange Tradition. Mit dem Bau und dem Unterhalt des dichten Netzes von staatlichen Straßen und Wasserwegen ist daher die eigene Behörde „Rijkswaterstaat“ befasst. Sie setzt sich zusammen aus zehn regional arbeitenden Dienststellen – eine davon ist für die Region Utrecht zuständig.
Bis vor kurzem war die Dienststelle auf drei Standorte verteilt. Der größte Teil der Mitarbeiter war am jetzt erweiterten Standort an der A-12 untergebracht, daneben existierten zwei weitere Niederlassungen im Vorort Nieuwegein sowie im Zentrum von Utrecht. Um sämtliche Abteilungen unter einem Dach zusammenzuführen, hatte der Rijksgebouwendienst als oberste staatliche Baubehörde 1999 in Absprache mit Rijkswaterstaat beschlossen, den noch aus den 1970er-Jahren stammenden Büroturm am Amsterdam-Rijnkanaal grundlegend zu modernisieren und zu erweitern. Aus dem begrenzten Wettbewerb zur Planung des Erweiterungsumbaus, an dem auch der Münchener Architekt Thomas Herzog beteiligt war, ging schließlich das Delfter Büro Cepezed als Sieger hervor.
Der Standort des Bürokomplexes liegt rund drei Kilometer südwestlich der Innenstadt von Utrecht im Baugebiet „Westraven“. Um das bestehende Gebäude für die Anforderungen der Behörde nutzbar zu machen, musste die bisherige Nutzfläche auf insgesamt 53 000 m² verdoppelt und gleichzeitig ein Konzept zur Verbesserung der bislang schlechten Klimatisierung entwickelt werden. Der zweiteilige, mit einem hohen Anteil an vorgefertigten Materialien realisierte Entwurf der Projektarchitekten Jan Pesman und Ronald Schleurholts sah dazu zunächst eine umfassende Modernisierung des vorhandenen 22-geschossigen Büroturms durch die Integration einer doppelschaligen Fassade vor.
Die geforderte Erweiterung der zur Verfügung stehenden Fläche erreichten die Architekten im wesentlichen durch die Hinzufügung eines deutlich flacheren, lediglich viergeschossigen Neubaus mit insgesamt rund 25 000 m² Nutzfläche. Als Reaktion auf die geringe Auslastung von lediglich 40% im Altbau wurde zusätzlich ein flexibles Bürokonzept integriert, bei dem für die 2 000 Mitarbeiter nur 1 600 Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Sämtliche Mitarbeiter müssen sich somit jeden Tag einen neuen Arbeitsplatz suchen. Die Erschließung beider Gebäude erfolgt über einen gemeinsamen Haupteingang in Richtung Norden. Für eine optimierte Anbindung an die Stadt stehen dort angrenzend eine Parkgarage sowie eine unterhalb des Vorplatzes neu errichtete Fahrradgarage zur Verfügung.
Doppelschalige Fassade
Das Bürohochhaus wurde in den 1970er-Jahren in Stahlbetonfertigbauweise im so genannten „Jack-Block-Verfahren“ errichtet. Problematisch war dabei insbesondere die Tatsache, dass sich die Fenster nicht öffnen ließen und sämtliche Innenräume über eine mittlerweile in die Jahre gekommene Klimaanlage belüftet wurden. Schon seit längerem klagten die Mitarbeiter daher über die gesundheitlichen Auswirkungen des so genannten „Sick-Building-Syndroms“. Um den Büroturm zu einem modernen Bürogebäude mit optimiertem Binnenklima umzuwandeln, wurde das Gebäude zunächst vollständig bis auf die Gebäudestatik entkernt. Statt der bisherigen monotonen Geschossanordnung integrierten die Planer anschließend fünf gebäudetiefe, wechselweise nach Norden bzw. Süden hin orientierte Atrien mit einer Höhe von jeweils vier Geschossen, die auch im Kern des Gebäudes einen direkten Bezug zwischen innen und außen ermöglichen.
Als weitere Veränderung gegenüber dem vorgefundenen Zustand wurde die Außenhülle des Büroturms als doppelschalige Fassade ausgebildet. Die neue Konstruktion bietet nicht nur die Basis für eine optimierte und Energie sparende Klimatisierung, sondern erlaubt es den Mitarbeitern auch, sämtliche Fenster individuell zu öffnen. Um einen effektiven Lärmschutz zu schaffen, wurde in Richtung der nördlich angrenzenden Autobahn eine doppelschalige Fassade aus Glas vorgesetzt, .
Zweite Haut aus Stoff
Für die drei anderen Fassaden schlugen die Architekten eine deutlich kostengünstigere Variante vor. Hier besteht die äußere Gebäudehülle aus transparenten Bahnen aus schwarzem, mit Teflon beschichtetem Glasgewebe. Die auf einer Fassadenfläche von 7 000 m² eingesetzte, speziell für dieses Projekt entwickelte Konstruktion ermöglicht einerseits eine effektive Reduzierung des auf die Fassade auftreffenden Windes, andererseits lassen die fein gewebten Tücher aber ausreichend Luft in den Spalt zwischen innerer und äußerer Fassade, um eine angenehme natürliche Klimatisierung des Gebäudes zu erreichen. Darüber hinaus ermöglichen die dunklen Tücher durch einen Transparenzgrad von 40 bis 50% einen effektiven Sonnenschutz und einen Schutz vor Überhitzung der Innenräume, ohne dabei die Sicht nach außen zu stark einzuschränken. Sollten die Tücher an bestimmten Tagen nicht ausreichen, dann stehen zum Schutz gegen stärkere Sonneneinstrahlung auf der Innenseite außerdem individuell steuerbare Jalousien zur Verfügung.
Eine besondere Herausforderung war die Festlegung der exakten Qualitäten des eingesetzten Stoffes. Auf Basis umfangreicher Untersuchungen in enger Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Poly-Ned BV wurden Farbe, Transparenz und Fadenstärke so gewählt, dass sie einen optimalen Kompromiss aus thermischen Eigenschaften und maximaler Aussicht bieten. Die Breite wurde auf bis zu 53 m festgelegt, um eine schnelle Montage zu ermöglichen. In den Bereichen unterhalb der Brüstungen wurden alternativ jeweils Glaspaneele eingefügt. Durch den rhythmischen Wechsel beider Materialien entstanden die markanten, weithin sichtbaren horizontalen Streifen auf der Außenhülle des Gebäudes.
Neubauflügel entlang des Kanals
Zusätzliche Büroflächen bietet der am Fuß der Hochhausscheibe gelegene und im Kontrast lediglich viergeschossig ausgebildete Neubauriegel.
Auch hier stand die Balance zwischen einem nachhaltig Energie sparenden Klimakonzept und einem hochwertigen Arbeitsplatzklima im Zentrum der Planungen.
Der hochmoderne, durch großzügige Glasfronten geöffnete Bau setzt sich zusammen aus fünf eigenständigen, entlang des Kanals aneinander gereihten Gebäudeflügeln, die den Altbau dabei als langgestrecktes Band umschließen. Zwischen den einzelnen Flügeln wurden zwei transparente Atrien und eine Grünzone als natürliche Klimapuffer sowie ein Auditorium integriert. Um dabei in etwa 75 % der Büroräume eine optimierte Aussicht auf den Kanal zu ermöglichen, wurden die einzelnen Gebäudeflügel sowie die wechselweise dazwischen liegenden Atrien jeweils dreiecksförmig angelegt. Entlang des Kanals nach Südwesten werden die fünf Flügel durch eine 14 m hohe Wintergartenzone für eine optimierte Klimatisierung begrenzt. Der 70 m lange Streifen nimmt die Kantine auf und dient gleichzeitig als flexibel nutzbarer Raum für Veranstaltungen. Zur Verschattung wurden abweichend zu den schwarzen Stoffen im Büroturm weiße Stoffbahnen integriert, die bei starker Sonneneinstrahlung heruntergefahren werden.
Der Zugang zu den einzelnen Flügeln des Neubaus erfolgt über einen direkt an den Haupteingang anschließenden, 70 m langen Erschließungsstreifen, der dem Neubauband gegenüber vom Wintergarten in nordöstlicher Richtung vorgelagert wurde.
Für eine Energie sparende Klimatisierung wurde die Außenhülle der Fassade in diesem Bereich ab der Höhe von 3 m sowie im Dachbereich als transparente Fassade mit Luftkissen aus ETFE-Folie ausgebildet. Die im Vergleich zu einer zweischaligen Glasfassade deutlich kostengünstigere Konstruktion ermöglicht sowohl einen sommerlichen als auch einen winterlichen Wärmeschutz.
Die Aufhängung der einzelnen Luftkissen erfolgte jeweils über die Fassadenstützen, die gleichzeitig als Luftkanal zur Schaffung eines permanenten Überdrucks in den Kissen dienen, um sie gegen Wind und Schnee zu sichern. Zur natürlichen Belüftung des Innenraums wurden außerdem Lüftungsklappen in der Fassade integriert.
Energiesparend heizen und kühlen
Eine weitere Besonderheit im Neubau sind die zur Beheizung und Kühlung der Büroflächen eingesetzten Klimaböden und Klimadecken. Für einen zügigen und kostengünstigen Baufortschritt wurde ein vorgefertigtes, lediglich 30 cm starkes Boden-Deckensystem mit integrierter Betonkernaktivierung eingesetzt, das gleichzeitig sämtliche Kabel und Leitungen für die Lüftung und Beheizung beinhaltet. Die Energie zur Temperierung des Wassers im Kreislauf wird dabei ökologisch über vier Erdwärmesonden mit einer Wassermenge von 200 m3/h in Verbindung mit zwei Wärmepumpen mit einer Wärmeleistung von 3600 kWp und einer Kälteleistung von 1 200 kWp bereit gestellt.
Als weitere Maßnahme für einen Energie sparenden Betrieb des Gebäudes wurde eine intelligente Kunstlichtsteuerung installiert, die sich flexibel der Intensität des vorhandenen Tageslichts anpasst und dabei je nach Bedarf wärmeres oder eher kälteres Licht bereitstellt. So finden die Mitarbeiter des Ministeriums das ganze Jahr über unabhängig vom jeweiligen Wetter und der jeweiligen Tageszeit hochwertige Arbeitsbedingungen vor.
Planung: Architectenbureau Cepezed, Delft
Planungsteam: Jan Pesman | Ronald Schleurholts Statik: ABT, Velp (NL)
Haustechnik: Grontmij Technical Management, Amersfoort (NL)
Bauphysik | Brandschutz: DGMR, Arnheim