Neubau des Filminstitutes in Amsterdam

Großes Kino

Die „Auster von Amsterdam“ wird das neue EYE Film Institut genannt, das strahlend weiß am Ufer des Flusses IJ liegt. Der futuristisch geschnittene Neubau des Wiener Büros Delugan Meissl Associated Architects integriert neben Archiv und Ausstellungsbereich auch vier Kinosäle und bietet zudem eine öffentliche Piazza zum Fluss. Die ungewöhnliche Fassade wurde mit schillernden Aluminiumpaneelen verkleidet.

Robert Uhde

Wer nach Amsterdam kommt, den zieht es zumeist in die historische Altstadt mit ihren Grachten und Giebelhäusern. Architekturinteressierte besichtigen zudem die in den 1990er-Jahren großflächig umgewandelten östlichen Hafengebiete. Die Bereiche nördlich vom Fluss IJ sind dagegen selbst vielen Einheimischen nahezu unbekannt. Mit der Eröffnung des direkt gegenüber vom Hauptbahnhof gelegenen EYE Film Instituts könnte sich diese Perspektive künftig etwas ändern. Denn mit seiner ikonenhaften Form und seinem attraktiven cineastischen Angebot besitzt der Neubau das Potenzial, die natürliche Trennung durch den Fluss zu überwinden und zu einem wichtigen kulturellen Anziehungspunkt zu werden.
Visueller Auftakt
Das Filmmuseum war seit 1946 unweit des Grachtengürtels in einem prachtvollen Altbau am Vondelpark untergebracht. Da die dortigen Räumlichkeiten aber bereits seit längerem zu klein geworden waren, um das wachsende Archiv und den zunehmenden Besucherstrom aufzunehmen, war schließlich entschieden worden, das Institut ans IJ-Ufer umzuziehen und als visuellen Auftakt für das neue Wohn- und Dienstleistungsquartier „Oeverhoeks“ zu planen, das dort gegenwärtig auf einem ehemaligen Shell Terrain entsteht. Die Baukosten von 36 Millionen Euro wurden dabei durch die ING Real Estate getragen, die das Gebäude in Public-private partnership an das EYE Filminstitut vermietet.
Den 2005 durchgeführten Architekturwettbewerb für das Projekt hatte das Wiener Büro Delugan Meissl Associated Architects für sich entscheiden können. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten konnte der Neubau jedoch erst 2012 fertiggestellt werden. Doch die lange Wartezeit hat sich gelohnt. Schließlich überzeugt die schillernde „Auster“ nicht nur durch ihre kristallin weiße Architektur mit ihren expressiven, bis zu 30 m langen Auskragungen, sondern sie bietet den Besuchern auch eine attraktive öffentliche Terrasse mit freier Sicht aufs Wasser. Und im Inneren des Gebäudes stehen auf einer Bruttogeschossfläche von 8 700 m² neben dem umfangreichen Filmarchiv und einer knapp 1 200 m² großen Ausstellungsebene auch vier unterschiedlich große Kinosäle mit insgesamt 640 Plätzen sowie ein Restaurant zur Verfügung. Die Sammlung umfasst rund 37 000 Filme, 60 000 Filmplakate und 700 000 Film-Fotos.
Dynamische Erschließung
Analog zur Funktion des Gebäudes und zur filmischen Inszenierung spielt auch die Architektur gekonnt mit den Komponenten Licht, Raum und Bewegung. Besonders deutlich wird das, wenn man sich dem Gebäude mit der Personenfähre vom Hauptbahnhof aus nähert und der Bau ganz unbemerkt zum Protagonisten einer urbanen Kulisse wird. Fortwährend ändern sich dabei die Ansichten auf das Gebäude, subtile architektonische Bezüge zu dem 1966 errichteten alten Shell-Turm werden sichtbar und schließlich beginnt die schillernde Aluminiumfassade sich immer stärker in den Wellen des Flusses zu spiegeln.
Am gegenüberliegenden Ufer werden die Besucher von einer dynamisch gestalteten hölzernen Rampe auf die Außenterrasse am Wasser oder ins Gebäudeinnere geleitet. Hier angekommen gelangen sie zunächst in die tribünenartig angelegte „Arena“. Ein besonderes Element ist dort die elegant profilierte Glasfront (Pfosten-Riegel-Fassade Reynaers CW 50) nach Süden, die weite Ausblicke auf den Fluss und die Stadt Amsterdam bietet. Der Raum beherbergt einen Museumsshop sowie ein Café mit Außenterrasse und erschließt die drei kleineren Kinosäle. Gleichzeitig fungiert er als zentraler Ort der Begegnung und als zusätzliche Veranstaltungsfläche.
„Wir wollten weg von den ungemütlichen Multiplexkinos“, erklärt Architektin Elke Delugan Meissl. „Stattdessen haben uns in typologischer Hinsicht die Kinobauten des Art Déco mit ihrer enormen architektonischen Qualität beeinflusst. Die Nutzung geht allerdings über den herkömmlichen Kinobesuch hinaus, wodurch sich das Gebäude vom heutigen Standard der Kinotypologie unterscheidet.“
Im Untergeschoss befinden sich die Mitarbeiterbüros, das Archiv sowie ein interaktiver Bereich, in dem sich die Besucher ihre Filme aussuchen können. Auf den oberhalb des Foyers gelegenen Halbebenen schließen sich der Galeriebereich sowie ein Zugang zum großen Vorführsaal im weit nach Norden auskragenden dritten Obergeschoss an. Und ganz oben wurde eine exklusive VIP-Lounge mit deckenhoher Verglasung und erhöhter Panorama-Aussicht für besondere Empfänge integriert. Die fließenden Übergänge zwischen den unterschiedlichen Nutzungsbereichen ermöglichen einen dynamischen Raumfluss, der sinnfällig die Funktion des Gebäudes unterstreicht und im Zusammenspiel mit der hochwertigen Materialsprache ganz bewusst zur Kommunikation einladen. Um dabei den Nachhall in den unterschiedlichen Räumen aufzufangen, kam ein spezieller Akustikputz (Baswaphon von Sonogramma) als Deckenbekleidung zum Einsatz.
Schillernde Hülle
Zentraler Blickfang des in Stahlbeton- und Stahlskelettbauweise errichteten Neubaus nach außen ist die schillernde Gebäudehülle aus insgesamt 14 500 aluminiumbeschichteten, jeweils 6 mm dicken Sandwich-Paneelen (Alpolic Aluminiumbeschichtetes Fassadenpaneel von Mitsubishi Plastic). Die innen aus Kunststoff gefertigten und außen mit einer 0,5 mm starken Aluminiumlage beschichteten Elemente reflektieren das Licht auf vielfältige Weise, so dass sich die Architektur je nach Wetter und Tageszeit permanent optisch verändert. „Die Außenhülle aus Sandwichpaneelen lagert auf einer Unterkonstruktion aus vorgefertigten, gedämmten und abgedichteten Kastenelementen aus Holz und darauf angebrachten Aluminiumprofilen“, erklärt Roman Delugan den Aufbau der Fassade. „An den seitlichen Fassadenflächen sind die Plattenelemente an ihren Fugen gekantet und unsichtbar miteinander verschraubt.“ Die Fugenbreite beträgt dabei 12 mm. Für die Dachfläche wurden alternativ 30 mm starke Verbundplatten sichtbar genietet.
Die filigrane Feingliederung der Fassadenoberfläche wird erst beim Näherkommen erfahrbar: In rhythmischer Abfolge zeichnen sich dann unterschiedlich große, geometrisch zugeschnittene, teilweise trapez- oder rautenförmige Elemente ab, die in ihrer Summe ein labyrinthartiges lineares Muster schaffen. Die vergleichsweise breiten Fugen ermöglichen dabei ausreichend Spielraum, um statisch bedingte Toleranzverformungen der Gesamtstruktur spannungsfrei aufzunehmen – als Antwort auf den schlechten Baugrund in der Grachtenstadt Amsterdam.
Architekten: Delugan Meissl Associated Architects, Wien Ausführungsplanung: Bureau Bouwkunde Rotterdam BV Generalunternehmer: Bouwbedrijf M.J. de Nijs en Zonen BV Tragwerksplanung: Abt-Adviseurs in Bouwtechniek, Delft Gebäudetechnik: Techniplan Adviseurs BV, Rotterdam
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