Umnutzung eines Kulturzentrums in Rotterdam

Aus zweiter Hand

Robert Uhde

Das Quartier Delfshaven ist eines der ganz wenigen Hafenareale in Rotterdam, die von den Bombardements des Zweiten Weltkrieges im Mai 1940 weitgehend verschont blieben. Statt auf modernistische Wiederaufbauarchitektur trifft der Blick hier überwiegend auf pittoreske Architektur aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Kein Ort also, an dem man unbedingt Avantgarde erwarten würde.
In einem schon lange leer stehenden, einst durch die „Vereenigde Oost-Indische Compagnie“ VOC und später durch eine Chemikalienfabrik genutzten, Hafenmagazin aus dem Jahr 1672 wurde hier vor kurzem der neue Sitz der Rotterdamer Organisation für experimentellen Film und experimentelle Musik „Worm“ eröffnet. Die Räumlichkeiten bieten einen Veranstaltungssaal für Konzerte oder Filmvorführungen, Shop, Foyer mit Bar, Büroräume, Archiv sowie ein Filmstudio.
Die Gestaltung und Einrichtung des Interieurs wurde maßgeblich durch die vor Ort ansässigen 2012 Architecten geplant. Gemeinsam mit verschiedenen, an der Ausführung mitbeteiligten Objektkünstler setzten sie dabei ganz bewusst zu rund 95 Prozent auf recycelte Abfallmaterialien. Nicht nur, um die Umbaukosten gering zu halten, sondern auch, um damit ein weiteres prototypisches Statement zum Thema „Nachhaltiges Bauen“ zu schaffen. Ganz so, wie sie es in ihrem 2004 veröffentlichten Manifest „Recyclicity“ fordern.
Bausubstanz unverändert
Um das denkmalgeschützte backsteinerne Gebäude überhaupt nutzen zu dürfen, hatte die Stadt Rotterdam als Eigentümerin ihre Zustimmung zu dem Projekt von Anfang an von zwei Auflagen abhängig gemacht: Zum einen ist die Nutzung zeitlich begrenzt, zum anderen durfte die Substanz des in seiner Geschichte mehrfach abgebrannten Hauses trotz des extrem schlechten Zustands weder außen noch innen verändert werden.
Ausgehend von diesen schwierigen Vorgaben erarbeiteten die Planer ein fließendes Raumkonzept mit temporär eingestellten Funktionsmöbeln, die bei einem eventuellen Auszug problemlos an anderer Stelle wieder aufgebaut werden können. Der durch die collagenhaften Zusammenstellung verschiedenster Abfallmaterialien entstandene skurril-technische Charakter des Worm-Interieurs wird betont durch eine neu eingefügte Versorgungsleitung mit Luftabfuhr, Abwasser und Elektrik, die sich als gebäudetechnisches Rückgrat durch die verschiedenen Öffnungen in den Innenräumen schlängelt bzw. „wurmt“. Der überwiegende Teil dieser Anlage stammt aus abgebrochenen Bürogebäuden in der Umgebung, die auf der Baustelle zusammengestellt wurden. Neu bestellt wurden lediglich fehlende Zwischenstücke.
Erschließung und Technik
Das Gebäude wird durch einen von Césare Peeren entworfenen und ausgeführten Eingangsbereich in Form eines drei Meter hohen Lüftungsschachtes betreten, der sich von außen nach innen mit einem dynamischen 180˚-Schwung in den Innenraum hineinschraubt. Das blecherne, in einem abgerissenen Bürogebäude ergatterte und an seiner Innenseite mit einer Bildinstallation gestaltete Objekt klärt nicht nur die Erschließung, an seiner Oberseite strömen auch Zu- und Abluft aus bzw. ins Gebäude. Am Ende des Appendix angelangt, stoßen die Besucher auf eine alte Drehtür und den Kassenbereich. Direkt dahinter befindet sich linkerhand die „Maschinenkammer“, das gebäudetechnische „Herz“ von Worm mit Heizkessel, drei großen Luftfiltern, Gashaupthahn, Wasser- und Abwasserleitungen, Stromverteiler/Sicherungskasten sowie sämtliche Zählern. Direkt gegenüber schließen sich rechter Hand die Rückseiten der in einem offenen Nebenraum angesiedelten vier Toiletten an, die sämtlich aus alten Flüssigtanks gefertigt wurden.
Über die Maschinenkammer erreichen die Besucher schließlich den atmosphärisch beleuchteten Worm-Shop, wo sie eine große Auswahl an Ton-, Bild- und Textträgern vorfinden. Als raumbeherrschende Objekte finden sich hier Sitzobjekte aus alten Lkw-, Pkw-, Traktor- oder Fahrradreifen zum intensiven Hören von Musik, eine avantgardistische Chaiselongue als bequemes Multimediamöbel sowie eine futuristische Bar im hinteren Teil des Raumes, in der ein ausrangierter Verkaufsautomat Getränke oder Snacks ausgibt.
Über das angrenzende Treppenhaus führt der Weg dann weiter in das Foyer im ersten Obergeschoss mit dem großen Konzertraum und der bei Bedarf besetzten großen Bar – eine organisch-industrielle Komposition aus Arbeitsflächen, Spülvorrichtungen und Kühlschränken, die rund um die Abluftvorrichtungen der Lüftung angeordnet wurden.
Events mit Lärmschutz
Durch die Nutzung des Gebäudes für Veranstaltungen mussten die Planer besondere Anforderungen an den Lärmschutz berücksichtigen. So wurde ein Teil der Wände mit eigens auf der Baustelle zugesägten Holzpaneelen temporär vertäfelt und im gesamten Obergeschoss über den bestehenden Eichenböden ein zusätzlicher Boden aus einer vierlagigen Systemdecke sowie einer oberen Multiplex-Schicht eingefügt. Im Obergeschoss wurden außerdem schräg in die Böden verschraubte Lärmschutzwände aus Isolierglas vor sämtliche Außenfassaden gesetzt, so dass in den beiden Hallen Veranstaltungen bis zu 105 bzw. 70 dB stattfinden können.
Die 2012 Architecten arbeiten schon seit einigen Jahren an der Erforschung und Entwicklung einer Architektur aus und mit Second-Hand-Materialien. Im Seebad Scheveningen hat das Büro 2004 zum Beispiel das mit Windschutzscheiben vom Typ Audi 100 sowie einem ausrangierten alten Kassenband gestaltete Interieur eines Schuhgeschäftes entwickelt.
Davor hatten sie die inzwischen an der TU in Delft als Espressobar genutzte „Miele Raumstation 2“ vorgestellt – eine experimentelle Forschungsinstallation, deren oktogonale Struktur komplett aus den Überresten alter Waschmaschinen aufgebaut ist. Ein zentrales Projekt von 2012 ist die bewusst in Form eines offenen Netzwerks konzipierte Internet-Plattform „Recyclicity.net“ (als weitere Plattform gibt es inzwischen auch die Seite www.superuse.org).
Kreatives Recyceln
Das Forum will nicht nur zur kreativen Wiederverwendung von Abfall anregen, sondern erfasst und zeigt auch neue Recycling-Projekte oder neu entwickelte Anwendungen zur Nutzung recycelter Materialien. Eine der manifestartigen Forderungen lautet dabei, bei der Nutzung von Second-Hand-Baustoffen so wenig Energie wie möglich für Transport und Verarbeitung zu verbrauchen. Sämtliche Abfallmaterialien sollten daher möglichst vom gleichen Ort stammen, an dem sie schließlich genutzt werden. Und anstatt die Baustoffe mühsam in ihre Bestandteile aufzuteilen, wie es sonst üblicherweise in der Müllverwertung praktiziert wird, plädieren die Architekten dafür, die „Objekte“ möglichst in der vorgefundenen Form zu verwenden.
Der in Recyclicity vorgestellte Umgang mit Abfallmaterialien bietet nicht nur eine intelligente Strategie im Umgang mit dem weltweit wachsenden Müllproblem, er schlägt auch eine interessante Quelle für völlig neuartige Anwendungen in der Bauindustrie vor. Darüber hinaus legt die vorab nur schwer kalkulierbare Eigendynamik vorgefundener Materialien eine völlig veränderte architektonische Planung mit einer eher prozesshaften Annäherung an den jeweiligen Ort nahe: Auch bei der Planung des Worm-Interieurs hatten die 2012 Architecten zunächst keine exakt ausgearbeitete Ausführungsplanung erstellt.
Um eine homogene Struktur des Interieurs zu erzielen, entstand in einem ersten Schritt vielmehr eine Art „Einkaufsliste“, mit deren Hilfe das am Ausbau beteiligte Worm-Team unterschiedliche Second-Hand-Materialien aus verschiedenen abbruchreifen Büros aus der näheren Umgebung zusammengesucht hat. Erst auf Basis der letztlich vorgefundenen Materialien konnte der Entwurf dann weiter konkretisiert werden. Der größte Teil des Interieurs entstand jedoch erst während der Ausführung, in gemeinsamer Arbeit mit dem Worm-Team und den beteiligten Künstlern. Der Planungsprozess als gestalterisches Abenteuer mit unbekanntem Ausgang!
Weitere Informationen
Entwurfsteam: 2012 Architecten, Césare Peeren, Denis Oudendijk, Ivo de Jeu, Rotterdam Entwurf und Ausführung Einbauten/Mobiliar: Eingang: 2012 Architecten Césare Peeren, Boris van Duijneveld, Jules Verhoeven, Ivo de Jeu Toiletten: Marc Heumer Chaiselongue: Mille Gomme Verkaufsautomat: CO2RO Bar: DHZ23 Lärmschutz: Adviesbureau Nieman, Rijswijk Haustechnik: Da Silva Luchttechniek, Rotterdam Brandschutz: Dhr. Nico Scholten, TNO
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